Als Frau durch Marokko

Wie ist es als Frau durch ein muslimisches Land zu reisen? Diese Frage hören wir in letzter Zeit immer öfter. Julia versucht im Folgenden ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus unseren Wochen in Marokko mit euch zu teilen! Das Thema birgt viele Unklarheiten und Denkanstöße. Eindeutige Antworten finden sich nur schwer.

Kopftuch. Ja oder nein? Darüber ist man sich auch in Marokko nicht einig.

Tiefe Ausschnitte, knappe Höschen und fliegendes Haar. Burka, Kopftücher und schüchterne Blicke. Zwei Welten prallen aufeinander. Wir befinden uns in Marrakesch, der Stadt der sichtbar ausgetragenen Kontraste. Marrakesch ist die beliebteste Destination Marokkos und ein wahrer Touristenmagnet. In den letzten Jahren fluten Reisebegeisterte die Stadt. Es werden immer, immer mehr. Und nicht jeder scheint das richtige Händchen beim Kofferpacken zu haben. Einige meinen wohl eher auf einer Modenschau à la Victoria’s Secret unterwegs zu sein. Dass sie in eine Kultur eintauchen, die von Tradition und alten Werten geprägt ist, scheint so manchem überhaupt nicht bewusst zu sein. Zumindest ist das das eine Extrem.

An unserem ersten Tag in Marokko entscheide ich mich ganz bewusst für das andere: das Extrem der Anpassung. In nehme das hübsche Tuch aus meiner Tasche, das ich extra für diesen Anlass gekauft habe, und binde es mir um. Heute bin ich mit Kopftuch unterwegs. Das ist ein wahrlich seltsames Gefühl. Ich weiß nicht warum, es ist schwer zu erklären, aber das Kopftuch macht mich zu einem anderen Menschen. Zumindest ist das mein erster Eindruck. Mir fehlen meine Haare und das Gefühl vom Wind, der mir über den Kopf streicht.

Die Männer auf der Straße und in den Unterkünften sprechen nur mit Felix. Auch wenn ich eine Frage stelle, richten sie die Antwort an ihn. Es ist als wäre ich gar nicht anwesend. Ist es das Kopftuch? Oder weil ich eine Frau bin? Nachdem ich mehrmals ignoriert worden bin, gebe ich erstmal auf. Resigniert und verwirrt beschließe ich Felix ab jetzt das Rede-und-Antwort-Spiel zu überlassen. Innerlich bin ich irgendwie verärgert. Auch ein wenig verschüchtert. Es scheint als wäre mir, als Frau, all meine Autorität abgesprochen worden. Erleichtert lege ich das Tuch vor dem Schlafengehen ab. Sogleich fühle ich mich wohler.

Am liebsten würde ich das Tuch einfach liegen lassen. Still und leise im Zimmer vergessen. Trotzdem entscheide ich mich auch an Tag zwei für die Anpassung. So schnell möchte ich nicht aufgeben. Hinzukommt, dass ich noch nicht sicher bin, was ich von der ganzen Anpassungssache halten soll. Ist es eine Geste der Rücksicht gegenüber meines Gastgeberlandes, welches tief in Strenge und Glauben verwurzelt ist? Oder absolut übertrieben?

Vor unserer Reise habe ich mir viele Artikel und Blogbeiträge zum Thema Toleranz und angemessenes Verhalten durchgelesen. Auf keinen Fall möchte ich, dass wir unangemessen auffallen. Als absoluter Neuling auf dem Gebiet der arabischen Länder stellen sich einem viele Fragen. Wie werden die Leute auf mich reagieren? Wird mir jemand blöd kommen? Ist es sogar möglicherweise gefährlich? Klar, dass ich mir diese Fragen auch gestellt habe. Antworten dazu findet man hunderte. „Schau als Frau bloß keinem Mann in die Augen! Das kann als Flirten gewertet werden!“ „Öffentliche Zärtlichkeiten sind nicht gestattet. Außerdem darf die Frau ihrem Mann niemals Widerworte geben! Dafür kann sie sogar verhaftet werden.“ „Mir wurde öfters aufdringlich hinterhergerufen. Manche sind sogar übergriffig geworden.“ Das ist nur ein kleiner Teil, der Aussagen, die einem das WorldWideWeb beschert. Das alles macht nicht unbedingt Mut. Zum Glück gibt es aber auch andere Stimmen. Die, die sagen, Marokko ist inzwischen ein Land, das sich weiterentwickelt. Die Frauen kämpfen um ihr Recht und dafür ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das ist zwar noch lange nicht überall angekommen, trotzdem ist es wahr. Marokko geht den Weg in Richtung Gleichberechtigung an. Äußerst langsam und in winzigen Schritten. Aber Tendenzen gibt es.

 

Ich liebe das Gefühl von Wind in meinem Haar. Irgendwie seltsam wenn das auf einmal fehlt.

 

Eine junge Marokkanerin, die wir in der Wüste kennengelernt haben, hat uns viel über sich erzählt. Sie fühlt sich ihrer Religion tief verbunden. Auf das Kopftuch verzichtet sie trotzdem. Sie trägt die europäische Mode und enge Hosen sind für sie Normalität. Öfters wird sie deswegen auf der Straße von älteren Damen angezetert. Ihr wird hinterher geschimpft. Sie wird als „wertelos“ bezeichnet. Ihre Eltern unterstützen sie. Sie führt ein Leben, das sie selbst gewählt hat und studiert in Casablanca. Einer Großstadt am Meer. Dort ist sie aufgewachsen. Schon in ihrer Kindheit ist sie ist viel gereist und möchte in einer Führungsposition arbeiten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, gibt sie zu. Wer in einer großen Stadt aufwächst, dessen Leben unterscheidet sich stark zu dem eines Landkindes. Auf dem Land werden die alten Traditionen noch weitaus höher gehalten. Die Menschen sind meist ärmer und daran, eigene Wege zu gehen, ist kaum zu denken. Natürlich trifft das nicht pauschal auf jeden zu. Aber auch wir merken schnell, in den kleinen Dörfchen, wo sonst nie ein Tourist vorbeikommt, weht ein anderer Wind. Erstmals weiß ich mein Kopftuch zu schätzen. Die Menschen werden zwar nicht anfeindend, aber erfreut über unseren Auftritt sind sie auch nicht. Wir sind anders. Wir sind fremd. Ein wenig erleichtert machen wir uns auf den Rückweg nach Marrakesch.

Dann habe ich genug. Das Kopftuch bleibt ab. Ich muss ehrlich sagen, ich kann das nicht. Ich bin es gewohnt meine Haare zu zeigen. Auf eine gewisse Art repräsentieren sie mich. Wenn ich einen Teil von mir verhülle, der sonst so wesentlich mein Erscheinungsbild prägt, beeinflusst das auch mein Gefühl zu mir selbst. Und mein Auftreten. Schon interessant. Es zeigt mal wieder, wie stark Äußerlichkeiten für unsere Selbstwahrnehmung eine Rolle spielen. Wie es wohl wäre, wenn jeder von uns ganz freiwillig sein Kopftuch tragen würde. Wir würden uns am Morgen vor dem Spiegel so viel Zeit sparen. Vielleicht würde weniger geurteilt werden, wenn wir den Oberflächlichkeiten weniger Raum geben würden. Doch hier, in Marokko, fühlt es sich eben nicht freiwillig an. Man fühlt sich als Frau sowieso schon stark beurteilt und eingeschränkt. Da ist das Kopftuch nur ein weiteres Zugeständnis an diejenigen, die über den Kopf anderer – im wahrsten Sinne des Wortes – bestimmen. Ich hoffe inständig, dass die Welt bald an dem Punkt sein wird, wo ein jeder diese Dinge ganz für sich allein entscheiden darf. Frei von jedem Zwang. Was muss dazu wohl noch alles passieren?

 

Zwar kein richtiges Kopftuch mehr, aber trotzdem noch mit Rock und Schultertuch. Nur etwas zu bunt. Damit falle ich definitiv auf.

Nur weil das Kopftuch nun fehlt, heißt das nicht, dass ich von jetzt an knappe Miniröcke zum Besten gebe. Selbstverständlich trage ich lange Stoffe, die die Beine verstecken und auch Schultern und Ausschnitt sind für die Außenwelt nicht sichtbar. Das gebietet der Anstand. Wenn ich ein Land bereise, deren Religion das verbietet, dann habe auch ich mich daran zu halten. Das gleiche gilt übrigens auch für Felix. Auch er trägt lange Hosen bei 30° Grad sowie eine Jacke. Nicht nur bei den Frauen sind nackte Knie und Schultern verpönt. Das ist somit gleich viel fairer. Wenn etwas für alle gilt, sollte man das auch als Reisender unterstützen. Wir sind Besucher. Wir wollen nicht als intolerante Trampel in Erinnerung bleiben. Wer gerne reist, dessen Aufgabe ist es fremde Kulturen und die damit verbunden Einschränkungen zu akzeptieren. Bis zu dem Punkt an dem man seinen persönlichen Schlussstrich zieht.

 

Auch Felix passt sich an. Eigentlich ist es viel zu warm für lange Hose und Jacke. Man gewöhnt sich jedoch schnell daran.

Etwas belustigt registriere ich die Outfits einiger Muslima. Die sind teilweise knapper als knapp. Die Kleider-Rebellion existiert. Das Gleichgewicht zu finden ist schwer. Klar, den Weg in die Selbstbestimmung sollten wir unbedingt unterstützen. Aber wir als Gäste in dem Land können ja wohl nicht in Lackhosen und mit bauchfreien Oberteilen herumlaufen. Oder? Wir passen uns an. Das fordert die Fairness gegenüber den Gastgebern. Was jedoch fordert die Fairness gegenüber den Frauen, die für ihre Rechte eintreten? Wie ist diese Grätsche zu bewältigen? Was ist richtig? Was ist falsch?

Mit neuem Mut und weniger Hemmung laufen die Gespräche mit den männlichen Marokkaner auf einmal viel besser. Zwar reagieren sie immer noch pikiert auf Buchungen, die von einer Frau getätigt wurden. Besser gesagt, können sie es gar nicht fassen. „Stimmt das denn? Sind das Sie, Monsieur? Wie… Ihre Frau hat das gebucht?“ Alles in allem aber merke ich, dass sie mir gegenüber offener werden. Das trifft natürlich nicht auf jeden zu. Es gibt noch immer viele die fest in den Netzen der vorgegebenen Normen hängen bleiben. Unterm Strich steht Folgendes: Sei aufgeschlossen und freundlich, das wird auch zurückkommen. Schlechte Erfahrungen lassen sich nicht völlig vermeiden. Ja, Diskriminierung, ob religiös oder nicht, gibt es. Sie wird es auch noch lange geben. Trotzdem kannst Du, als Frau oder Mann, egal wer Du bist, deine Werte leben. Solange Du das in einem annehmbaren Rahmen tust, wirst Du auf wenig Widerstand stoßen.

 

Noch laufen lange nicht alle Dinge richtig. Aber wo auf dieser Welt ist das denn anders?

Die Menschen, die Touristen gewöhnt sind, haben sich natürlich schon längst mit uns angefreundet. Dass Europäer, Asiaten, Amerikaner – und wer sonst noch alles kommt – nach anderen Regeln leben, ist bekannt und abgehakt. Im Zentrum Marrakeschs erwarten dich mit Sicherheit keine scharfen Beschimpfungen, solltest Du dich doch für eine kürzere Variante von Kleid entscheiden. Wie Du auftreten willst, bleibt dir überlassen. Angst davor, Du selbst zu sein, braucht keiner zu haben. Gewisse Vorkehrungen machen deine Reise trotzdem leichter. Und natürlich auch sicherer. Nachts solltest Du nicht unbedingt alleine – und auch nicht unbedingt zu zweit – durch die einsamsten Gassen spazieren. Kleide dich so, dass Du nicht übermäßig auffällst und mache keine Szene in der Öffentlichkeit. Viel mehr gibt es gar nicht. Klar, auf doofe Menschen kann man immer treffen. Wenn Du mich fragst, ist das in Marokko jedoch sehr unwahrscheinlich. Die Leute dort wollen ihre Kultur und Tradition leben. Sie halten daran fest und mögen keine Abweichungen. Zumindest gilt das für ihr eigenes Tun. Von dir als Gast im Land werden Respekt und Toleranz demgegenüber gefordert. Das war es dann aber auch schon. Wer sich aber so gar nicht anpassen will, der sucht sich besser ein anderes Reiseziel. Alle anderen werden eine gute Zeit in einem bezaubernden Land verbringen. Frei von Konflikten oder Unwohlsein.

 

Lies auch folgendes:

2 KOMMENTARE
  • Martina
    Antworten

    Hallo! Was für eine unglaubliche Aussicht und ein interessanter Reisebericht, danke! Welche Programme verwendet ihr für die Fotobearbeitung? Was denkt ihr darüber? LG Martina

    EDIT: Link entfernt

    1. Secluded Time • Julia & Felix
      Antworten

      Danke für das Lob! Wir verwenden zur Organisation unserer Fotos Lightroom und zum Bearbeiten haben wir uns für Affinity Photo entschieden, da wir kein Fan des neuen Abo-Modells von Adobe sind. Bis jetzt sind wir mit dieser Kombi auch super zufrieden! In absehbarer Zeit wollen wir noch den Themenbereich Fotografie auf unserem Blog hinzufügen und dann werden wir das Thema auch nochmal ausführlich in einem Artikel behandeln. Unter Anderem auch wie man Lightroom komplett kostenlos nutzen kann. Stay tuned!

      Liebe Grüße,
      Felix

Schreibe einen Kommentar

Dir ist etwas aufgefallen? Die gefällt einfach was wir machen? Lass uns doch einen Kommentar da! Bitte beachte, dass abgeschickte Kommentare durch uns geprüft werden. Also wundere dich nicht, wenn dein Kommentar nicht sofort auftaucht! Leider führt dieses Verfahren dazu, dass du deinen Kommentar nachträglich nicht mehr bearbeiten kannst. Deine angegebene E-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht veröffentlicht!