Auf steinigen Pfaden – Mit dem Mietwagen nach Uschguli

Wenn Du auch eine Tour von Mestia nach Uschguli planst, bist Du hier genau richtig. So detailliert wie möglich erzählen wir dir von unseren Erfahrungen auf dieser Strecke. Am Ende des Beitrages findest Du ein vierminütiges Video, das einen guten Eindruck von der Straßenqualität und der Fahrsituation vermitteln soll.

Am Abend fallen wir müde ins Bett. Wir sind den ganzen Tag Auto gefahren und haben nun endlich eine Bleibe in Mestia, dem touristischen Herzen Swanetiens, gefunden. Unser Hotel ist wunderschön. Solch ein gemütliches Bett haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Dafür ist es aber auch die teuerste Unterkunft seit unserer Ankunft in Georgien. Fast 25€ kostet uns die Übernachtung heute. Selbst jetzt, außerhalb der Saison, ist es nämlich gar nicht so einfach ein freies Zimmer in Mestia zu bekommen. Wir haben an einige Türen klopfen müssen, bevor wir eine Pension gefunden haben, die nicht vollständig ausgebucht war. Nun sind wir hier. Und absolut zufrieden! Unser kleiner Raum ist vollständig mit Holz ausgekleidet und wir haben sogar einen winzigen Balkon.
Wir putzen nur noch rasch die Zähne und kurz darauf schließen wir die Augen in unserer behaglichen Bleibe. Das ist auch besser so! Morgen werden wir sehr früh aufstehen müssen. Eine Tagestour nach Uschguli steht an. Und bisher haben wir weder eine Vorstellung davon, wie wir dorthin gelangen oder wie genau der Trip aussehen soll.

 

Blick über den Fluss auf den gegenüberliegenden Ortsteil von Mestia.

 

Als der Wecker klingelt, wollen die Augen irgendwie gar nicht offen bleiben. Felix verpasst dem Wecker einen gezielten Schlag, damit er endlich Ruhe gibt. Murrend ziehen wir uns die Decken über die Köpfe und drehen uns auf die andere Seite. Reisemotivation ist etwas anders, aber Morgenmenschen waren wir beide noch nie. Bald jedoch dringt der Geruch von frischem Brot in unsere Nasen. Wir hören eine Menge Geklapper vor unserem Fenster. Die ersten Wanderer brechen bereits zu ihren Touren auf. Da packt auch uns endlich der Tag. Wir reißen uns zusammen, jeder gähnt noch ein letztes Mal und anschließend kann es endlich losgehen.

Nach einem kurzen Frühstück mit frischem Brot von der Bäckerei neben unserem Hotel stürzen wir uns in die Planung. Uns bleiben genau eineinhalb Tage, um Mestia und Uschguli zu erkunden. Eigentlich wären wir sehr gerne nach Uschguli gewandert. Den Plan streichen wir jedoch ganz schnell, nachdem wir rausgefunden haben, wie lange das dauern würde. Dafür fehlt uns einfach die Zeit. Um die komplette Strecke nach Uschguli zu wandern, muss Du leider mehrere Tage einplanen oder zumindest ganz früh starten.

 

Morgens im Zentrum von Mestia.

 

Also dann eben mit dem Auto! Mit unserem Mietwagen? Ob das wohl klappt? Die Strecke bis Mestia befindet sich zugegebenermaßen in einem guten bis fast sehr guten Zustand. Dass das jedoch bis Uschguli so weitergeht, davon sind wir nicht so ganz überzeugt. Im Internet finden wir nicht wirklich eine eindeutige Aussage über die Straßenqualität. Also befragen wir unsere nette Vermieterin. Sie spricht zwar weder Englisch noch beherrschen wir Georgisch oder Russisch, trotzdem versteht sie nach einem kurzen Hin und Her, was wir von ihr wollen. Sie erklärt uns per Zeichensprache, dass sie sich nicht sicher ist, ob wir mit unserem Mietwagen bis Uschguli fahren können. Dafür macht sie uns mit einem sympathischen Taxifahrer bekannt.

Auf Georgisch fliegen die Wortfetzen hin und her. Ein paar Mal deuten sie auf unser Auto. Der Taxifahrer bückt sich und betrachtet den Wagen – einen Ford Fiesta – von unten. Schließlich wendet er sich an uns. Wir sind uns schon völlig sicher wie das Urteil ausfallen wird. Ganz bestimmt wird er sagen, dass wir mit diesem rein gar nicht geländetauglichen Auto auf gar keinen Fall nach Uschguli starten sollen. Er wird uns anbieten, dass wir mit ihm auf eine Taxitour dorthin aufbrechen. Welcher Taxifahrer würde sich das denn bitte entgehen lassen? Die Kunden klopfen ja fast schon an seine Haustür. Doch da haben wir uns gewaltig getäuscht! Und vor allem das herzensgute, ehrliche Wesen der Georgier vergessen. „Na klar, fahrt ruhig damit. Euer Auto ist hoch genug. Das schafft es!“ sagt er zu uns. Verblüfft starren wir ihn an und bedanken uns. Wenn er das denkt, dann wird es wohl stimmen. Er fährt diese Strecke schließlich mehrmals die Woche mit Touristen oder Einheimischen an Bord.

Schon die ersten Kilometer hinter Mestia sind ein Traum. Wir blicken nach hinten auf das Dorf zurück, während vor uns Bäume in allerlei Farben aufragen. Am Horizont glitzert Schnee auf den Bergspitzen. Ihr könnt es euch bestimmt schon denken. Wir machen als allererstes eine Fotopause. Dabei werden wir von einem Jeep voller Touristen überholt.

 

Was für ein schöner Anblick die Berge von Swanetien doch sind! Links sieht man den Ushba mit einer Höhe von 4737 Metern.

 

Entspannt schauen wir aus dem Fenster und lassen die atemberaubende Landschaft an uns vorbeiziehen. Die Straße liegt in einwandfreiem Zustand vor uns. Die Straße hier ist sogar noch besser als die gestern zwischen Zugdidi und Mestia. Die komplette Strecke zwischen Uschguli und Mestia beträgt übrigens etwas über 45 Kilometer.

Nach einiger Zeit merkt man dann, dass die Straßenbeschaffenheit schlechter wird. Immer wieder müssen wir extrem abbremsen, weil eine Baustelle nach der anderen das Weiterkommen erschwert. Wir überqueren eine Bergkette und befinden uns bald darauf in einem tiefen Tal. Ein breiter Fluss fließt auf der rechten Seite und schon haben wir das nächste Hindernis vor uns. Der Asphalt fehlt mal wieder. Wir sehen nichts als aufgeweichten Matsch, wo eigentlich die Straße weiterführen sollte. In den letzten Tagen hat es immer mal wieder leicht geregnet. Jetzt sehen wir die Folgen.

Trotzdem fahren wir tapfer weiter. Der Matsch ist nicht zu tief und unser Auto passt sich wunderbar in die Fahrrillen ein, die der Jeep vor uns hinterlassen hat. Wir sind übrigens seit fast einer halben Stunde keinem anderen Auto mehr begegnet. Und auch nicht vielen Menschen. Lediglich ein wanderndes Pärchen haben wir überholt.

Bald wartet die nächste Baustelle auf uns. Es geht nur noch einspurig voran. Würde uns jetzt jemand entgegenkommen, dürfte einer von uns fünfhundert Meter im Rückwärtsgang zurücklegen. Zum Glück kommt keiner. Die Bauarbeiter schauen dafür interessiert durch unsere Fenster ins Auto. Wir winken ihnen zu, als wir vorbeifahren. Sie grinsen und winken zurück.

Nachdem diese Monster-Baustelle hinter uns liegt, kann uns doch eigentlich gar nichts mehr aufhalten. Zumindest denken wir das! Wir werden uns bald noch wundern! Überhaupt kann es gar nicht mehr so lange dauern, bis wir in Uschguli ankommen. Vielleicht wartet es schon hinter der nächsten Kurve? Auch da liegen wir falsch!

Unser Auto macht einen guten Job. Einen wirklich guten. Wir sind sehr stolz. Im nächsten Dorf, namens Cala, brauchen wir dann eine kleine Pause. Außer unserem Ford sehen wir fast nur Jeeps oder Autos mit 4×4-Antrieb. Die Gruppe Touristen von vorhin hat es sich schon in der einzigen Kneipe des kleinen Ortes gemütlich gemacht. Der Ort ist übrigens wirklich winzig. Er besteht aus einer Straße, der besagten Kneipe, einem Fluss und einigen verstreuten Häusern. Hinzu kommt noch ein schnuckeliger Kiosk. Direkt an der Hauptstraße verkauft eine freundliche Oma Snacks an die Wanderer und Anwohner.

 

Cala ist ein winziges Dörfchen, das nicht einmal unser Navi kennt.

 

Auf dem Weg nach Uschguli kommt fast jeder Reisende in Cala vorbei.

 

Ein Spaziergang durch das Dorf bringt uns ruckzuck an das andere Ortsende. Da bleiben wir erstmal schockiert stehen. Vor uns erstreckt sich eine riesige Schlammlandschaft mit großen Pfützen. Der Regen hat seine Spuren hinterlassen. Von der Straße, wie wir sie bisher kannten, ist nicht mehr viel übrig. Das wird unser Auto niemals schaffen! In der nächsten Biegung erblicken wir ein Auto, das unserem von der Art her ähnlich ist. Die Fahrer sind gerade vorsichtig am wenden.

Was jetzt? Zurück nach Mestia? Auf keinen Fall! Laufen? Vielleicht! Aber es ist wohl noch ein ganzes Stück nach Uschguli! Es doch mit dem Auto versuchen? Okay, dann los! Schon nach 500 Metern geben wir das Unterfangen kampflos auf. Bereits die erste tiefe Pfütze treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Uns hier festzufahren oder den Mietwagen zu ruinieren, sollte er auf dem Boden aufsetzen, das ist beides keine Traumvorstellung. Also drehen wir um und fahren zu der einzigen Kneipe des Ortes zurück. Vielleicht sind die Touristen mit der Jeep-Tour ja noch da. Möglicherweise haben sie noch zwei Plätze in ihrem Auto frei. Das haben sie leider nicht! Etwas bedröppelt stehen wir am Straßenrand. Ohne einen Plan wie es weitergehen soll.

„Lass und den nächsten Anwohner, der vorbeifährt, fragen, ob er uns mitnehmen kann!“ Das klingt doch ganz gut. Dazu muss nur noch einer vorbeikommen. So aussichtslos es wirkt, bald haben wir Glück. Ein weißer Mitsubishi nähert sich. Wir wedeln wie verrückt mit den Armen. Bei uns angekommen, streckt der Mann fragend seinen Kopf aus dem Fenster. Nach einer kurzen und hitzigen Debatte steht der Deal und der Mann nimmt uns gegen eine geringe Summe in seinem Wagen mit. Endlich geht die Reise weiter!

Wir sehen schnell ein, dass wir genau die richtige Entscheidung getroffen haben. Diese Strecke hätten wir mit unserem Mietwagen unter gar keinen Umständen bewältigt. Mal geht es über große Kiessteine, manchmal um steil abfallende Kurven. Einmal fließt sogar ein kleiner Wasserfall über die Fahrbahn. Dafür dürfen wir uns jetzt zurücklehnen und die Fahrt einfach nur genießen. Zu unserer Rechten schlängelt sich der Fluss inzwischen durch ein enges Tal mehrere Meter unter uns. Den Abhängen neben der Fahrbahn solltest Du nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Zumindest nicht, wenn Du Höhenangst hast. Unser Fahrer ist übrigens total nett. Er wohnt in einem Dorf hinter Uschguli und unterhält sich interessiert mit uns.

Es dauert noch ganze fünfundvierzig Minuten bis wir die ersten Spitzen der berühmten Wehrtürme sehen. Der Wagen kämpft sich einen kurvigen Anhang hinauf, als sich die Landschaft auf einmal verwandelt. Eben noch prägten die Schlucht, der Fluss und die farbenfrohen Bäume unseren Ausblick, nun liegen endlos grüne Wiesen und eine Ansammlung aus Steinhäusern vor uns. Nach einigen aufregenden Stunden sind wir an unserem Ziel angekommen. Uschguli, wir sind da!

 

Das ist zwar nicht das typische Bild von Uschguli, aber trotzdem wunderschön, oder?

 

Schon einige hundert Meter vor dem Dorf verabschieden wir uns von unserem neuen Freund. Wir wollen wenigstens das letzte Stück zu Fuß zurücklegen. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Ruhe, Natur und ein bisschen Bewegung. Der Anblick des hübschen Dörfchens am Ende der Straße rundet den Moment perfekt ab.

Kurz bevor wir im Dorf ankommen, stürmt ein Reiter auf einem weißen Pferd an uns vorbei. Er reitet ohne Zaumzeug und Sattel und hat zwei weitere Pferde im Schlepptau. Je näher wir Uschguli kommen, desto mehr verfallen wir seiner Schönheit. Der Ort liegt in völliger Stille da und kaum ein Mensch ist auf den wenigen Straßen zu sehen, was uns ziemlich erstaunt. Wir haben mit einem größeren touristischen Andrang gerechnet.

 

Wir – froh und glücklich endlich da zu sein!

 

Uschguli besteht aus mehreren Ortsteilen. Der mittlere ist der beliebteste. Von dem größten Hügel mittendrin kann man wunderbar auf die verzauberten Steinhäuser, die Wehrtürme, die altmodischen Brücken und den Fluss hinabblicken. Es gibt auch ein kleines Restaurant im Zentrum. Dort lassen wir uns nieder und gönnen uns eine kleine Stärkung. Das haben wir gebraucht. Anschließend verbringen wir noch einige schöne Stunden zwischen den hohen Wehrtürmen in den staubigen Gässchen. Am liebsten wären wir gar nicht mehr zurück nach Mestia gefahren. Uschguli ist ein wahrgewordener Traum an Idylle und altertümlicher, ländlicher Architektur.

 

Uschguli ist für uns einer der schönsten Teile von Swanetien.

 

Eine günstige Rückfahrt nach Cala zu finden, ist eine größere Herausforderung als wir zunächst denken. Die Taxifahrer merken schnell, dass wir auf eine baldige Rückfahrt angewiesen sind und machen Preisvorschläge, die nicht von dieser Welt sind. Es erfordert ein gewisses Maß an Verhandlungskunst und Geduld, um eine bezahlbare Mitfahrgelegenheit aufzutreiben.

Doch eine Stunde später sitzen wir mit acht anderen in einem Marschrutka und werfen einen letzten Blick auf die Steinhäuser von Uschguli. Hoffentlich sehen wir uns irgendwann wieder!

 

Sieh dir das Video von unserer Fahrt an, um einen guten Eindruck von der Strecke zu bekommen. Wir sind nicht die besten oder erfahrensten Filmer, also entschuldige bitte die mangelnde Qualität!

 


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